Dual wirkende Antidepressiva im Vergleich

KONGRESSE In der vorliegenden, doppelblinden Vergleichsstudie zwischen Mirtazapin und Venlafaxin wurden die Patienten nach einer Wash-out-Phase über 8 Wochen behandelt, gefolgt von einer Ausweitung der doppelblinden Behandlung auf einen Zeitraum von 4 Monaten. Wie Prof. J.-D. Guelfi, Paris, berichtete, nahmen 157 Patienten an der Untersuchung teil, die randomisiert entweder Mirtazapin oder Venlafaxin zugeordnet waren. Bei einem Patienten aus der Mirtazapin-Gruppe und 4 Patienten der Venlafaxin-Gruppe konnte keine abschließende Wirksamkeitsbewertung vorgenommen werden, daher ergibt sich nach der Intention-to-treat-Analyse eine auswertbare Zahl von 152. Die hier vorgestellte Auswertung der Daten reflektiert zum momentanen Zeitpunkt lediglich die Kurzzeitphase, da die Analyse der Langzeitdaten noch ausständig ist. Annähernd gleiche Wirksamkeit, aber schnelleres Ansprechen von Mirtazapin Was die Wirksamkeitsdaten betrifft, so konnte kein statistischer Unterschied zwischen den beiden Antidepressiva verzeichnet werden. Trotz der fehlenden statistischen Signifikanz waren dennoch deutliche Trends zugunsten von Mirtazapin ersichtlich und dies bestätigte sich sowohl im MADRS als auch im HAMD-17, betonte Guelfi. Auch bei der Evaluierung der Ansprechraten zeigte sich unter Mirtazapin ein rascher Wirkungseintritt, mit einer Responserate von 20% nach einer Woche bzw. mehr als 40% nach 2 Wochen. Demgegenüber waren die Ansprechraten unter Venlafaxin wesentlich geringer (Abb.1, Abb. 2). Ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung einer antidepressiven Therapie ist der Anteil der Patienten, die eine komplette Remission erreichen. So zeigte sich nach 8-wöchiger Behandlung unter Mirtazapin bei 53,2% der Patienten eine vollständige Remission (MADRS d12), verglichen mit 42,7% in der Venlafaxin-Gruppe. Mehr Drop-outs unter Venlafaxin Die Drop-out-Rate ist ein guter Parameter, um die Verträglichkeit und Akzeptanz einer Therapie im Rahmen von klinischen Studien zu beurteilen. Umso bemerkenswerter erscheint die Tatsache, dass in der Mirtazapin-Gruppe nur 5,1% der Patienten die Behandlung wegen Nebenwirkungen vorzeitig abbrachen, während die Abbruchrate unter Venlafaxin 15,2% erreichte. Dieser Unterschied war statistisch signifikant (p < 0,05), hob Guelfi hervor. Bei näherer Analyse der Ausfälle lässt sich feststellen, dass nur 2 der 4 Studienabbrecher der Mirtazapin-Gruppe möglicherweise im Zusammenhang mit der Studienmedikation standen, während sich in der Venlafaxin-Gruppe ein gänzlich anderes Bild ergibt. Hier wurde nämlich in 7 von 12 Fällen der frühzeitige Abbruch der Behandlung als möglich oder wahrscheinlich in Zusammenhang mit Venlafaxin gebracht (Abb. 3). Günstigeres Nebenwirkungsprofil von Mirtazapin Abschließend ein kurzer Blick auf das Nebenwirkungsprofil der beiden Substanzen. Hier ergaben sich statistisch signifikante Unterschiede bezüglich Gewichtszunahme, Gewichtsverlust, Obstipation und vermehrtes Schwitzen, wobei sich insgesamt ein günstigeres Verträglichkeitsprofil für Mirtazapin abzeichnete. Die mittlere Gewichtszunahme unter Mirtazapin betrug 2 kg. Nicht alle wirken gleich schnell Der klinische Wert eines Antidepressivums ist oft durch den verzögerten Wirkungseintritt, der erst nach 3-4 Wochen eintritt, zweifelsohne in großem Maße eingeschränkt. Gleichzeitig stellen Nebenwirkungen, die sofort ohne entsprechende Verbesserung der Symptome imponieren häufig Gründe für mangelnde Compliance dar. Immer noch hält sich bei vielen Ärzten die weit verbreitete Meinung, dass alle Antidepressiva gleich wirksam sind. Der besondere Vorteil von Mirtazapin liegt jedoch in seinem raschen Wirkungseintritt, der in mehreren Studien gegenüber SSRIs (z.B. Paroxetin, Benkert et al. 1999) nachgewiesen werden konnte. Mirtazapin zählt zu den Substanzen mit dualem Wirkmechanismus, die sowohl am serotonergen als auch am noradrenergen Transmittersystem ansetzen. Die spezifischen Eigenschaften lassen sich am besten dadurch erklären, dass durch die Blockade der adrenergen Rezeptoren an der präsynaptischen Nervenendigung eine erhöhte Freisetzung nachgeschalteter serotonerger Neuronen induziert wird. Aus klinischer Sicht sind diese pharmakologischen Besonderheiten insofern von Bedeutung, als sie aller Wahrscheinlichkeit nach für den rascheren Wirkungseintritt der Substanz verglichen mit SSRIs verantwortlich sind. Anhand einer gepoolten Analyse von Mirtazapin gegenüber SSRIs (Fluoxetin, Paroxetin) konnte ein statistisch signifikantes frühzeitigeres Ansprechen von Mirtazapin bereits nach der ersten Behandlungswoche eindrucksvoll beobachtet werden, so Prof. M. Thase, Pittsburgh, Pennsylvania. Thase bezog sich auf eine Untersuchung mit jeweils 186/187 Patienten und verwies auf den raschen Wirkungseintritt und die andauernde Wirkung von Mirtazapin, die bereits in Woche 1 statistische Signifikanz zeigte und eindrucksvoll bis zum Untersuchungsende in Woche 6 aufrecht erhalten werden konnte (Abb. 4). Conclusio Zusammenfassend lässt sich Mirtazapin als ein Antidepressivum mit einem besonders raschen Wirkungseintritt charakterisieren, und stellt damit gegenüber den SSRIs einen beträchtlichen Fortschritt dar. Auch gegenüber Venlafaxin, das durch das ähnliche Wirkprofil den direktesten Vergleich erlaubt, schneidet Mirtazapin (Remeron ®) durch die tendenziell schnellere Response und die günstigere Verträglichkeit eindeutig besser ab.

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Letztes Update:10 Oktober, 2002 - 10:06